Läuten der Glocken - Aufziehen der Turmuhr

 in der Pfarrkirche St. Stephan in Burggen

Bevor 1956 das elektrische Geläute und 1967 eine elektrische Uhr in den Turm der Pfarrkirche St.-Stephan eingebaut waren, musste das Läuten der Glocken und das tägliche Aufziehen der Kirchenuhr von Hand betrieben werden.

Es ist davon auszugehen, dass zumindest bis 1920 in der Regel ein Mesner und/oder ein Lehrer im Kirchendienst eingesetzt waren.                                                                                            
 
Bei beiden wurde  zwischen kirchlichem und weltlichem Kirchendienst unterschieden.

Zum weltlichen Kirchendienst zählte z.B.  

- das tägliche Aufziehen der Kirchenuhr                                                       
- das Läuten im Brandfall                                                                  
- das Läuten bei bedrohlichen Gewittern (Wetterläuten).

Lehrer waren oft gleichzeitig Mesner, Organist, Kirchenchorleiter.

In einem Schreiben der Gemeinde Burggen an das Bezirksamt Schongau vom 15. August 1869 wird erwähnt, dass der Lehrer Sattler auch den Mesnerdienst versehe und ihm für das Läuten der Kirchenglocken eine zusätzliche Entschädigung zustehe.

Vor dem 1. Januar 1920 waren Lehrer vielerorts verpflichtet, neben dem Schuldienst auch den weltlichen Kirchendienst zu verrichten.

Ab 1. Januar 1920 waren solche Verbindungen gesetzlich nicht mehr zulässig.

 

 

 

Das Aufziehen der Kirchenuhr

Aufziehen der Kirchenuhr

Die Kosten für den Kauf, die Installierung und den Unterhalt der Kirchenuhr hat nach alten Rechnungen früher die Kirche und ab einem nicht genauer bekannten Zeitpunkt (vermutlich nach der Säkularisation nach 1803) die politische Gemeinde getragen.
Dr. Siegfried Hofmann hat 1955 als Kreisheimatpfleger eine Aufstellung über eine Auswahl von Kirchenrechnungen von Burggen in der Zeit von 1606 bis 1806 veröffentlicht.
Die erste Nennung einer Uhr ist aus dem Jahr 1606 und lautet:                                                                                      
„…Thoma Kienlin, Tischler, so an der Uhr zu machen…“. 
                   
Die zweite Rechnung aus dem Jahr 1626 lautet:                                     
„…Der Uhrmacher von Kaufering hat das Uhrwerk zerlegt, ausgebessert und ausgeputzt…“.

Heute ist im Kirchturm der Pfarrkirche St. Stephan unter dem Glockenstuhl noch ein altes Uhrwerk von 1765 vorhanden.  Diese alte Uhr musste täglich aufgezogen werden. Mit einer Kurbel waren auf vier Trommeln jeweils lange Seile aufzuwickeln, an denen schwere Gewichte aus Stein hingen. In früherer Zeit war dies wohl Aufgabe der Schullehrer. Das erwähnte Schreiben der Gemeinde Burggen an das Bezirksamt in Schongau vom 15. August 1869 betraf nicht nur das Glockenläuten durch den Lehrer, sondern auch das tägliche Aufziehen der Kirchenuhr, das als schwere Arbeit bezeichnet wurde. Die Gemeinde wollte aber keine zusätzliche Entlohnung für den Lehrer vornehmen, da sie davon ausgegangen ist, dass sich dieser schon selber durch Holzfällen auf den „Langwiesen“ entschädigt habe. Sofern das Bezirksamt damit nicht einverstanden sein sollte, bat die Gemeinde,  
„…die Bewilligung zu erteilen, dieses Geschäft einem zuverlässigen Manne übertragen zu dürfen, damit dann die Kirchenuhr der mutwilligen Behandlung durch Schulkinder entzogen und die Gemeinde in ganz sichere Hoffnung gesetzt werde, in kommenden Jahren bedeutend weniger für Kirchenuhr-Reparaturen bezahlen zu müssen…“.                                                                                         
Offensichtlich hatte der Lehrer zumindest gelegentlich die schwere Arbeit des täglichen Uhraufziehens auch seinen Schülern übertragen.
Am 28. November 1902 beschloss der Gemeinderat:                           
„…Zum Reinigen und Ölen der Turmuhr wurde von der unterfertigten Gemeindeverwaltung der Ökonom Stefan Erhart bestimmt. Derselbe hat die Aufgabe, alle 14 Tage die Uhr zu kontrollieren und zu ölen, wofür ihm eine jährliche Entschädigung von 4 Mark zugestanden wird…“.

Im Gemeinderatsbeschluss vom 13. Mai 1920 ist erstmals ein Mesner  (Georg Ritter) für das Aufziehen der Kirchenuhr genannt. Ihm wurde eine Entschädigung von täglich 20 Pfennig aus der Gemeindekasse zugestanden.  
Nach den Gemeinderechnungen erhielt für das tägliche Uhraufziehen August Hosp für das Jahr 1947 120 DM.     
An Sprenzel Michael wurde am 23.03. 1952 für Reparatur der Kirchenuhr 32 DM bezahlt.
Mit Beschluss des Gemeinderates vom 16.9.1951 wurde das Uhraufziehen und Läuten Josef Lory übertragen.                                  
Für das Jahr 1952 erhielt er jährlich 100 DM, ab 1953 120 DM.
Mit Schreiben vom 21.2.1962 bat Lory um Erhöhung seiner Vergütung. In der Begründung führte er aus, für das tägliche Uhraufziehen eine halbe Stunde Arbeit anzusetzen und dafür  0,30 DM zu erhalten. Wegen der „…heutigen Preissteigerungen…“ beantragte er eine Anhebung auf 0,50 DM.                                           
Die letzte Abrechnung von Josef Lory mit der Gemeinde bezog sich auf den Zeitraum vom 1.1. – 15.6.1967.                                                  
Er erhielt den Betrag von 137 DM ausbezahlt.
Im Juni 1967 beendete Josef Lory seinen Mesnerdienst.  Das tägliche Uhraufziehen war ohnehin überflüssig geworden.
Nach einem Eintrag auf einem Installationsplan in der Sakristei der Pfarrkirche wurde im Juni 1967 eine elektrische Uhr eingebaut.  Das Zifferblatt und die Zeiger wurden wohl belassen und nur renoviert.                                                                                                             
Die schmiedeeiserne Uhr von 1765 hatte damit ausgedient.
Im September 1979 wurde dann auf der Nordseite des Turmes das alte Zifferblatt entfernt und durch ein neues mit einem Durchmesser von 2,5 m und einem neuen Zeigerpaar aus Kupferblech mit Blattgold (23 ¾ Karat) ersetzt.
Auf der Südseite des Turmes befand sich kein Zifferblatt.                   
Im März 1980 wurde erstmals eines mit einem Durchmesser von  1,8 m angebracht.


 

Bild unten:
Das Uhrwerk aus dem Jahr 1765 ist schmiedeeisern, gekeilt und genietet, nicht geschraubt.
Das Uhrwerk ist 2m lang, 0,75m breit und 0,85 m hoch und steht auf einem Holzpodest. Der durch den Boden geführte Perpendikel hat eine Länge von 3,80 m.

 

Dieses Ziffernblatt (ca. 30 cm hoch) mit Uhrzeiger ist oben auf das Uhrwerk montiert. Die Aufschrift beweist den Baumeister und das Baujahr des Uhrwerks.   

 Thomas Bahrensteiner
Uhrmacher

17    Zu Kirchtall   65        

(Kirchthal- heute Gemeinde Seeg) Die Uhrzeiger wurden über Kupplungsgestänge direkt vom Uhrwerk angetrieben und zeigten dem Bediener der Uhr die Stellung der Uhrzeiger auf dem großen Ziffernblatt am Kirchturm an.

 

Aufwändig geschmiedeter Perpendikelhalter am Uhrwerk
Der Perpendikel ist durch ein Loch im Fussboden der Uhrenstube geführt und hat eine Länge von 3,80 m.                      
(Auf dem Bild: Johann Baumer - Mesner seit 1973).

 

An vier Hanfseilen mit Holzrollen hingen  zentnerschwere Gewichte aus Stein. Die Seile mit den Gewichten mussten täglich auf die Trommeln im Uhrwerk aufgezogen werden.

 

Antrieb der großen Uhrzeiger de 1967 eingebauten elektrischen Uhr  (ca. 30 cm Durchmesser). Jede Minute erhält der Antrieb von der in der in der Sakristei installierten Elektronik einen Impuls. Das Zahnrad dreht sich dann um einen Zahn weiter und damit auch der Uhrzeiger.

 

Läuten der Kirchenglocken

Wie schon ausgeführt, wurde früher zwischen weltlichem und kirchlichem Läuten der Kirchenglocken unterschieden.
Für das weltliche Läuten (Wetterläuten und Brandfall) übernahm die Entlohnung die politische Gemeinde.
Für das kirchliche Läuten erfolgte die Entlohnung der beauftragten Person (Lehrer oder Mesner) von kirchlicher Seite.
Ein Teil der kirchlichen Entlohnung bestand aus dem  Anspruch auf die jährlichen Läutgarben (Getreidegarben - Dinkel und Gerste).
In der alten Zugangstüre von der Empore zum Kirchenturm steht auf der Innenseite:                                                                                        
„Josef Zörr Mesner seit 1932 bis …….“.                                                 
(Das Ende ist nicht eingetragen).                                                              
Ein Dienstvertrag der Kirche mit  Josef Zörr als Mesner vom 12. März 1933 liegt noch vor.                                                                              
Demnach zählten zu seinen Einkommen:
Kirchenbrot - Läutroggen - Gebühren aus gestifteten Gottesdiensten - Stolgebühren.
Unter Läutroggen sind die Läutgarben zu verstehen.
In einer Streitsache nach einem Hauskauf in Burggen entschied der Verwaltungsgerichtshof in München am 22. März 1901, die Läutgarben in Form von Fesen- (Dinkel) und Gerstengarben seien auf dem Kirchenverbande beruhende Reichnisse, sonach Leistungen öffentlich-rechtlicher Natur und vom Besitzer des jeweiligen Hauses zu entrichten.
Ein altes „Läutgarben-Verzeichnis“ existiert noch. In diesem sind für Burggen und Haslach 129 Hausnummern aufgeführt. Weiterhin sind genannt Böllenburg, Reisgang und Kienberg, die damals zum Pfarrverband Burggen gehörten.                                                                                                                       
Die Anzahl der Pflichtgarben für den einzelnen Hof erstreckte sich von einer bis maximal acht Garben.                                                       
Das klingt nicht nach einer großen Belastung für die Bauern. Für den berechtigten Lehrer oder Mesner war es aber sicher eine bedeutende Einnahme.  In dem genannten Gerichtsurteil vom 22. März 1901 wird die Gesamtzahl von jährlich 307 Garben genannt. Noch kurz nach dem 1. Weltkrieg 1914/18 soll der Mesner mit einem Fuhrwerk von Haus zu Haus gefahren sein und die Garben persönlich eingesammelt haben. Es wird erzählt, mancher Bauer sei mit der Abgabe nicht so recht einverstanden gewesen und wenn er seine Garben aus größerer Höhe dem Mesner zum Abholen von der Tenne in den Hof hinunter geworfen habe, dann sei dem Mesner fast nur das Stroh geblieben und nur die Hausspatzen hatten einen Vorteil durch gutes Körnerfutter.                                                                                               
Die Garben wurden später mit einem Geldwert angesetzt. Das Einsammeln in Form von Geld sei für den Mesner zwar auch nicht angenehm gewesen, aber doch deutlich einfacher.
Unter Pfarrer Anton Elzer ließ die Kirchengemeinde 1956 ein elektrisches Geläute einbauen.                                                                                                         
Die Läutgarbenabgabepflicht wurde in diesem Zusammenhang mit dem 25-fachen Wert abgelöst.                                                                
Für eine Garbe galt der Wert von 0,50 DM.                                       
Hatte ein Bauer z.B. 5 Garben abzulösen, so musste er 62,50 DM bezahlen (0,50 x 5 = 2,50 x 25 = 62,50 DM).
Die Ablösesumme wurde für die Finanzierung des elektrischen Geläutes verwendet.
Josef Lory war der letzte Mesner, dem die Läutgarbenabgabe zustand. Ihm war mit Beschluss des Gemeinderates vom  16. September 1951 das weltliche Läuten und tägliche Kirchenuhraufziehen für jährlich 100 DM übertragen worden.       
Sein Vorgänger August Hosp, der aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden war, erhielt eine Abfindung von 100 DM.                                                                                                
Seinen Mesnerdienst beendete er am 15. Juni 1967.

 

 

 

Früher wurden die Glocken mit Hanfseilen, die bis in das Glockenhaus reichten, geläutet.      

Seit der Installierung des elektrischen Geläutes im Jahr 1956 übernehmen das Läuten Elektromotoren.  Die Glocken sind an einem sog. Joch befestigt. Über daran seitlich angebrachten Metallreifen laufen jeweils Ketten, die mit den  Motoren verbunden sind.                                                                                                                   
Die elektronische Steuerungseinheit befindet sich in der Sakristei.

 
 

Solche massiven Treppenstufen führen, ab dem Zugang über die Empore, im Kirchturm zur Uhrenstube und zum Glockenstuhl.

 

Bis zu einer Turmrestaurierung in den 1970er Jahren  wurde die Kirchweihfahne nur einige Meter  unter der Kirchturmspitze hinaus gehängt.                                                                                 
Um zur Turmöffnung zu gelangen, musste diese Leiter verwendet werden,  die auf dem Oberboden des Glockenstuhls steht

 

Josef Lory
(Er war der letzte Mesner,  der bis 1956 die Glocken
von Hand läutete und die alte Uhr bis 1967 täglich aufgezogen hat)

 

Arbeitskreis Dorfgeschichte
April 2014